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„Unsere Aufgabe ist das Erinnern"

kommunalpolitische Themen • Kampf gegen Rechts

Der NordBerliner im Gespräch mit Vera Seidel, Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Verband der Antifaschistinnen und Antifaschisten

REINICKENDORF: Am 14. Januar 1948 versammelten sich in den damaligen Räumen der Jüdi­schen Gemeinde zu Berlin Delegierte der Naziopfer aus allen Bezirken Berlins, um die „Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes" (VVN) zu gründen. Dem Vorstand gehörten un­ter anderem Walter Barthel (SED, Vorsitzender), Jeanette Wolf (SPD, Stellvertreterin), Heinz Galinski (Jüdische Gemeinde, Stellvertreter) und Arnold Munter (SPD, Stellvertreter) an. Der Kalte Krieg hatte zur Folge, dass schon bald Jeanette Wolf und Heinz Galinski aus der VVN aus­schieden, Arnold Munter wurde wegen seiner VVN-Mitgliedschaft aus der SPD ausgeschlossen. Mit der Selbstauflösung der VVN in der DDR im Jahr 1953 endete auch die Tätigkeit der Berliner V VN für ganz Berlin. Die in den Westsektoren der Stadt lebenden Mitglieder bildeten von nun an die VVN Westberlin. Sie waren in den folgenden Jahren, bedingt durch den Kalten Krieg und den besonders in Westberlin wirksamen Antikommunismus, massiven Repressionen von staatlicher Seite ausgesetzt. „Stockschläge in die Magengrube", nannte der damalige Westberliner Innen­senator Lipschitz, dessen Frau selbst eine Überlebende des KZ Theresienstadt war, diese Politik, die sich aus Berufsverboten, Aberkennungvon Entschädigungen für die Zeit der Nazi-Verfolgung und Wohnungsräumungen durch die Polizei zusammensetzte. Auch wenn die VVN Westberlin nicht verboten war, leistete sie ihre Arbeit über viele Jahre unter Bedingungen der Illegalität. Erst im Zuge der Studentenbewegungvon 1968 und des zunehmenden Interesses junger Menschen an der faschistischen Vergangenheit Deutschlands, konnte die VVN Westberlin neue Öffentlichkeit gewinnen und die antifaschistische Erinnerungsarbeit gelangte in die Öffentlichkeit, auch Dank der Gespräche mit zahlreichen Zeitzeugen.

Interview: Simone Bischof

Der Nord-Berliner: Frau Seidel, wie sind Sie zur VVN gekommen?

Vera Seidel: Meine MutterwarWiderstandkämp­ferin, mein Vater ist an der Ostfront geblieben. Wir haben ihn nicht wiedergesehen. Die VVN wurde ja im Januar 1948 gegründet. Seit dieser Zeit war meine Mutter dabei und ich bin in diesem geisti­gen Umfeld groß geworden. Als Kommunistin war meine Mutter in der SED, danach in der SEW in West-Berlin. Ich wurde erst 2007 Mitglied.

SEW?

Die Sozialistische Einheitspartei Westberlins. Eine mit der SED und der DKP eng verbunde­ne und von der SED angeleitete kommunistische Partei. Ich war auch bei den Jungen Pionieren in Westberlin.

Das ist sehr ungewöhnlich. Gab es Nachtei­le für die Mitglieder?

Den Westberliner Mitgliedern wurde zum Beispiel der Status als politisch Verfolgte aberkannt, ihnen wurde auch keine Entschädigung für die Zeit der Nazi-Verfolgung gezahlt und teilweise gab es Be­rufsverbote. Es gab eine Zeit, da war die WN qua­si illegal. Das ist heute natürlich nicht mehr so. Mit der Studentenbewegung kam ein anderer Um­gang mit Vergangenheit und Erinnerung auf.

Wie wurde die Westberliner VVN finanziert?

In ihren Anfängen von der DDR. Heute durch Spenden.

Was macht die VVN?

Unsere Aufgabe ist das Erinnern und Gedenken. Wir legen Kränze nieder, säubern Stolpersteine, arbeiten mit Zeitzeugen, die Vorträge in Schulen halten. Peter Neuhof, unser Vorsitzender, hat das Buch „Als die Braunen kamen" geschrieben. Das Buch stellt er sehr oft Schülern und jungen Men­schen vor. Wir nehmen auch friedlich an Demons­trationen teil und protestieren gegen Neo-Nazis. Zu den Gegendemonstrationen der Pegida fah­ren allerdings eher die jungen Mitglieder unse­rer Gruppe. Manche Alte schaffen das nicht mehr. Deshalb wünschen wir uns, dass sich auch wieder mehrjunge Menschen anschließen. Die JungeAn­tifaschisten-Gruppe Moabit ist sehr engagiert in der WN. Wir arbeiten auch sehr eng mit den Mit­gliedern der Partei Die Linke zusammen.

Wie viele Mitglieder gibt es heute und gibt es eine eigene Gruppe in Reinickendorf?

Die genaue Zahl weiß ich nicht. Eine eigene Grup­pe gibt es in Reinickendorf nicht. International ar­beiten wir mit Gruppen zusammen, die ebenfalls das Gedenken pflegen. Dazu gehört etwa das In­ternationale Auschwitz Kommitee, in dem auch Mitglieder von uns sitzen.

Findet in Deutschland genug Gedenken statt?

Ich denke ja. Aber es kann gar nicht genug sein. Wenn man die Geschichtsklitterung heute mitbe­kommt... Ich finde auch nicht richtig, dass Putin nicht zum Gedenken an die BefreiungvonAusch­witz vor 70 Jahren eingeladen wurde.

Wie gedenken Sie des 70. Jahrestages der Be­freiung von Auschwitz?

Wir werden am 27. Januar vor dem so genann­ten Judenhaus im Falkentaler Steig Blumen nie­derlegen, die Stolpersteine reinigen und in einer Schweigeminute der Befreiung des KZAuschwitz durch die Rote Armee gedenken. Übrigens war ich sehr enttäuscht über dieAntwort auf meine Anfra­ge bei der letzten BW, welche Überlegungen es im Bezirksamt gibt, den im Mai anstehenden 70. Gedenktag zur Befreiung vom Faschismus auch in unserem Bezirk würdig zu begehen. Leider ha­ben sie sich rumgedrückt auf meinen Vorschlag, die Reinickendorfer aufzurufen, wenigstens eine Blume an den Stolpersteinen niederzulegen.

Vera Seidel, 72 Jahre, in Steglitz geboren, lebt heute in Hei­ligensee. Sie studierte Germanistik und Publizistik an der Freien Universität Berlin, zog später nach Braunschweig und legte dort ihre 1. Lehrerprüfung ab. Dreieinhalb Jahre arbeitete sie in Westdeutschland an einer Grundschule, be­vor sie die SEW 1970 für ein Jahr nach Moskau delegierte. 1971 kam sie zurück nach Westberlin, wo sie 20 Jahre lang Re­dakteurin der Zeitung„Die Wahrheit" war. Die Zeitung wur­de 1989 geschlossen. „Ich war bis zum Schluss da und habe das Licht ausgemacht." Danach war sie noch einmal 15 Jah­re lang als Grundschullehrerin in Spandau tätig.

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