Never-ending story
kommunalpolitische Themen • Tegel City
Chronik der „unendlichen Geschichte“ der Tegeler Hafen-Insel -
ein Vierteljahrhundert voller Pleiten, Pech und Pannen
oder:
Wie die Reinickendorfer Parteien ein Filetstück unseres Bezirkes verscherbelt haben
„Worte von unterwegs“
Dr. D
iethard Rüter (SPD): "Filetstück Reinickendorfs, das teuerste Stück", "eins der schönsten und wertvollsten Grundstücke in Berlin" (1996)
Uwe Brockhausen (SPD): "Das Bauprojekt beschäftigt uns ja nun in der Tat schon sehr, sehr lange." (2000)
Frank Balzer (CDU): "Wir waren noch nie so dicht an einem Baubeginn." (2007)
Martin Lambert (CDU): „Die Bebauung der Insel tut Tegel gut.“ (2013)
Tegeler Insel: 9.072 qm
Grundstück an der Karolinenstraße: 7.756 qm
1980
Internationaler Wettbewerb unter dem Leitziel "Wohnen und Freizeit am Wasser".
US-Architekt Charles Moore erhält den Zuschlag für seinen Vorschlag zur Bebauung des Tegeler Hafengebietes: das Hafenbecken zu erweitern, eine künstliche Insel aufzuschütten und ein Sport- und Erlebniszentrum zu errichten.
1984-87
Moore-Vorschläge bilden Grundlage für Planung im Rahmen der Internationalen Bauausstellung und dafür erforderliche Bebauungspläne:
"Auf dem Festland sollte Wohnungsbau sowie ein Kulturzentrum (bestehend aus einer Bibliothek, einer Musikschule, einer Kunstgalerie, einem Veranstaltungs- und Kinosaal sowie Verwaltungsbüros für diese Anlage) entstehen, auf der Insel ein Freizeitbad. Baulich realisiert wurden ... nur der Wohnungsbau und ein Teil des geplanten Kulturzentrums, die Humboldtbibliotek." (Drs.-Nr.: 0530/XV).
43 Mio. DM öffentlicher Mittel wurden für Hafen, Wasserbau, Uferpromenade und Bibliothek ausgegeben.
1987
BVV-Beschluss: Bezirksamt (BA) soll sich für Bau eines "familienfreundliches Bades mit den Schwerpunkten Erholung, Gesundheit und Freizeit" einsetzen, Bau soll 1988 beginnen.
SPD-Fraktionsvorsitzender Peter Senftleben: "Die Vorstellung, ein Freizeitbad dort zu erbauen, hat sich zerschlagen. Es gab keinen Investor mehr. Nach der Wende 1990/91 mussten wir diese Idee beerdigen... Wir sind nach wie vor der Meinung, dass das Grundstück, das ja nun wirklich ein sehr wertvolles Grundstück ist, bebaut werden kann." (1996)
1989
Projekt der Philipp Holzmann AG: Freizeitzentrum scheitert
1993
Uwe Brockhausen (SPD): "Die Insel im Tegeler Hafen darf nicht zum Objekt für Spekulanten werden."
1995
Angebot der Rentaco AG: Insel - Bau von 240 Senioren-Wohnungen (Miete: 2800-5000 DM), Festland - Bau eines Kulturzentrums (neben der Bibliothek) mit Theatersaal, Volkshochschule, Graphothek, Restaurant; geplanter Baubeginn: Herbst 1997
Bezirksbürgermeister Detlef Dzembritzki (SPD):" In den kommenden drei bis vier Jahren wird Tegel ein neues Gesicht bekommen." Berliner Straße werde Prachtboulevard des Nordens (Berliner Morgenpost, 14.10.1995)
1996
Rentaco- Entwurf abgelehnt: Bebauung zu hoch, Baumasse zu groß
BVV:
CDU-Fraktionsvorsitzender Frank Balzer: "Weil es ein Filetgrundstück ist, weil es in exzellenter Lage liegt, wollen wir es deshalb zubauen? Wollen wir deshalb alles vorne wie eine Wand zubauen, dass der Blick nach hinten, dass das Gesamtkonzept am Tegeler Hafen, Tegeler Insel vollkommen zerstört wird?" (22.8.1996)
Vorlage des Bezirksamtes zur Kenntnisnahme an die BVV:
"Mit der Bereitstellung der Grundstücke als Residenz für alte Mitbürger beweist der Bezirk Reinickendorf soziales Verhalten ersten Ranges." (11.9.1996)
1997
weitere Verkaufsverhandlungen mit Rentaco
Aufstellungsbeschluss des BA über einen neuen B-Plan XX-288
1999/2000
Verkauf der Grundstücke an Rentaco für rd. 22 Mio. DM
Rentaco legt verändertes, "marktorientiertes" Konzept vor:
Bau von Luxus-Seniorenresidenzen (130 Zwei-Zimmer-Wohnungen plus 76 Einzelapartments), Gesundheitszentrum mit Heil- und Wellnessbereich, Gastronomie, Tiefgarage, zwei achtgeschossige Turmhäuser im Flachwasserbecken; will 120 Mio. DM investieren, Beginn: Frühjahr 2001, Bauzeit: zwei Jahre
Regina Michalik (B90/Grüne): "Die Insel, einmal für teures Geld im Rahmen der IBA geschaffen, um Kultur- und Freizeitnutzung zu ermöglichen, wird für privatwirtschaftliche Zwecke unter Wert abgestoßen" ("Stachel", September 1999)
"Bürgerinitiative Tegeler Hafen" sammelt 6.000 Unterschriften gegen Rentaco-Pläne
2001
Konkurs der Rentaco AG stoppt Bauvorhaben (Mai)
Bürgerversammlung der CDU:
Bezirksbürgermeisterin Marlies Wanjura (CDU): "In dem Moment, in dem wir einen (neuen) Investor gefunden haben, lade ich Sie ins Rathaus ein, und wir können dann über die neuen Pläne diskutieren." (Mai 2001)
BVV:
Planreifebeschluss wird nicht zurückgezogen
Uwe Brockhausen (SPD): "Wir streiten seit Jahren über das Vorhaben und stehen jetzt vor dem Nichts." (Juni 2001)
2002
Uwe Brockhausen (SPD): "Was lange währt, wird nicht mehr."
Baustadtrat Dr. Michael Wegner (CDU): "Wir haben keinen Interessenten und deshalb keine Planung".
Übergabe der Grundstücke an den Liegenschaftsfonds (LF) Berlin
2003
Ausschreibung durch LF
Zuschlag an Berliner Projektentwicklungsgesellschaft: Investoren aus Hongkong wollen auf der Insel bis 2006 Wellnessbad mit chinesischem Gesundheitszentrum, auf dem Festland ein Luxushotel bauen; LF wartete mehr als ein Jahr auf Begleichung des Kaufpreises
2004/05
Pläne, eine Rosenhof-Seniorenwohnanlage zu bauen, scheitern am Einspruch des Bezirksamtes: eine Bebauung mit vier- und fünfgeschossigen Blöcken komme nicht in Frage
Bezirksbürgermeisterin Marlies Wanjura (CDU): "Bei der Nutzung der Insel kann nicht allein der Wunsch eines möglichen Investors die Hauptrolle spielen."
neue Ausschreibung durch LF
2006
Verkauf des Areals an die Indukal Development GmbH (Dr. Volker Wittig)
2007
Informationsveranstaltung mit Investor und Architekten:
Insel: 21 zweigeschossige Luxus-Einfamilien-Reihenhäuser, Ende 2008 bezugsfertig; Festland ("Tegel 1"): fünfeinhalbgeschossiges Pflegeheim, Wellnesszentrum, drei Hafenhäuser mit Gastronomie, Arztpraxen und Büros, Tiefgarage, 2.Quartal 2009 fertig; 33-35 Mio. Euro.
Baustadtrat Frank Balzer (CDU): "ein sagenhaftes Projekt für den Bezirk"
Baugenehmigung für 11 Stadtvillen (Luxusvillen für Botschaften), geplante Investitionssumme: 45 Mio. Euro
Beschluss des B-Planes XX-288 (30.11.2007)
2008/2009
Arbeiten auf der Insel, aufgeschüttete Erdhügel, halbfertige Mauerwerke; seit Dezember Stillstand.
Kauf der Grundstücke durch Firma mit Geschäftssitz in Moskau, Berliner Tochter: BM Capital Home GmbH ; Geschäftsführer Jared Schweiger: der Bauablauf werde "nach der geänderten Situation auf dem Finanzmarkt angepasst"; Fertigstellung: Anfang/Mitte 2010 (lt. Tagesspiegel, 24.3.2009).
Baustadtrat Frank Balzer (CDU):"Wir sind überhaupt nicht erfreut, dass auf diesem Filetgrundstück die Arbeiten ruhen".
BVV stimmt Beschluss des BA über den B-Plan XX-288 zu (18.11.2009)
2011
Die Baugenehmigung für die Stadtvillen erlischt.
Baustadtrat Martin Lambert (CDU): „ Sie haben sich mit dem Projekt wohl etwasverhoben.“
2012
Erwerb der Insel durch GBI Wohnungsbau GmbH & CoKG.
Baustadtrat Lambert informiert in der BVV über die Vertragsunterzeichnung mit der GBI (GA von CDU und B90/Grüne, Drs. 0249/XIX). Investitionsvolumen: 17 Mio. Euro. Bis Ende 2014 sollen elf Stadthäuser mit 44 Eigentumswohnungen entstehen.
2013
Neue Planung:
Auf der Insel werden bis Ende 2014 sieben Stadthäuser mit insgesamt 48 Drei- bis Vier-Zimmer-Eigentumswohnungen entstehen. Kaufpreis: zwischen 314.000 und 620.000 Euro. Das Projekt umfasst ein Investitionsvolumen von 22 Mio. €. GBI wirbt für „Elysion 44. Die Insel der Seligen“.
BVV-Beschluss vom 13.2.2013
„Bebauung der Insel im Tegeler Hafen“ (Drs. 0249/XIX-01):
„Das Bezirksamt wird ersucht sich dafür einzusetzen, dass zukünftig bei der Ausweisung von Flächen für den Wohnungsbau die Belange der sozialen Wohnraumversorgung (im Entwurf: „vorrangig“ - von CDU gestrichen) berücksichtigt werden.“
31.5.2013
Spatenstich für das Wohnbauprojekt „Maritimes Wohnen auf der Tegeler Insel“ durch Bezirksbürgermeister Balzer, Baustadtrat Lambert und GBI-Geschäftsführer Bode.
Bezirksbürgermeister Frank Balzer (CDU): „Hinsichtlich der Tegeler Insel konnten in den letzten Jahren viele Ideen leider nicht verwirklicht werden. Insofern freue ich mich über diesen symbolischen Spatenstich, auf das spätere Richtfest und natürlich auf den Tag, an dem die Baumaßnahmen abgeschlossen sein werden. Dann ist die Tegeler Insel endlich bebaut und die Brache verschwunden.“
(aus: PM des BA Nr. 3779 vom 4.6.2013)
Auf dem Festland an der Karolinenstraße baut das Unternehmen Kondor Wessels ein Pflegeheim der Johanniter mit 117 Pflegeplätzen sowie 31 altengerechten Wohnungen. Neben der Humboldt-Bibliothek entstehen drei Stadthäuser mit 36 Eigentumswohnungen..
